Man könnte es so eine Art Midlife Crisis nennen aber die kommt dann kurz vor dem 24. Geburtstag schon relativ früh, aber ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, aus welchem Grund ich online Poker spiele und was sich so in dem Zeitraum getan hat seit ich mit dem Pokerspielen angefangen habe. Ich schaue jetzt gerade auf mein 5. Jahr und muss sagen, es lohnt sich! Auch wenn bisher die ganz großen Summen ausgeblieben sind wie im letzten Jahr, so ist es dennoch in Ordnung. Vor allem, wenn man die Tatsache bedenkt, dass ich mich immer noch als begabten Amateur sehe der Poker eher als Zeitvertreib und Hobby zum Vergnügen ausübt.

Als ich vor knapp 5 Jahren mit Poker begonnen habe, hat mich vor allem der mathematische Aspekt und das Kartenspiel an sich gereizt - dazu noch der Wettbewerbscharakter und die Möglichkeit, Geld zu gewinnen und schon war ein neues Hobby gefunden. Lange lief es schleppend doch mit den Pokerforen kam der Aufschwung und man bekam mehr Lektüre zu lesen und auch mehr Denkanstösse. Allerdings hatte sich die Spielweise an den Tischen im Vergleich zum Jahre 2003 / 2004 dramatisch verändert. Dies ist auch ganz einfach in der um ein Vielfaches gesteigerten Popularität des Poker an sich überall auf der Welt und in Deutschland im Speziellen zu Begründen. Es klingt ganz und gar illusorisch, aber damals konnte man tatsächlich im gepflegten Stil an einem Spielgeldtisch mit Freunden weltweit Poker spielen und sah keine “All In any 2″ Maniacs in jeder Hand. Dabei entstanden erste Freundschaften und schnell hatte man täglich eine Gruppe zusammen, mit denen man sich unterhalten konnte und nebenher noch Poker spielte - so knüpfte ich auch Bekanntschaften weltweit.

Doch was damals in Deutschland allenfalls müde belächelt und als exotische “Randsportart” bezeichnet worden ist - es kam ja schließlich auf Eurosport und einem Sportsender - hat sich heute zu einem boomenden Markt mit volkssportähnlichem Charakter entwickelt und die Marketingmaschinerie läuft auf vollen Touren. Man hat die Möglichkeit, Poker täglich im deutschen Fernsehen zu sehen und über das Internet brauche ich mich ja gar nicht erst zu äußern - wie käme ich sonst dazu, hier gerade in mein kleines online Tagebuch zu schreiben, ab und an verirrt sich auch mal ein Leser auf die Seite und schaut sich meine geistigen Ergüsse an. Was bringt mir das persönlich, welchen Nutzen ziehe ich daraus? Rein pokertechnisch gesehen sicher nicht viel bis gar nichts - außer eventuell etwas Frust abbauen und mal die aktuelle Gefühlslage von der Seele schreiben, auch das soll ja in einem ausbalancierten Leben dazugehören. Einfach mal den Gedanken freien Lauf lassen und die Tastatur mit 100 Anschlägen pro Minute nerven - ach was wäre meine Deutschlehrerin vom Abi froh darüber (dazu noch sehr gute Rechtschreibung) und meine Phonolehrerin aus der Ausbildung auch. Mein Mathelehrer wäre auch zufrieden über meine Wahrscheinlichkeitsrechnung und das ich dazu nicht mal den graphischen Taschenrechner benutze! Ich kann nur hoffen, dass ich meine Leser nicht allzusehr langweile, aber ich tendiere dazu, lieber etwas ausführlicher ein Thema abzuhandeln und dabei schweife ich gelegentlich vom Thema ab (so ein Mist, schon wieder argg).

OK, kommen wir lieber wieder zum eigentlichen Thema dieses Blog-Beitrages zurück und greifen den letzten Aspekt wieder auf. In unserer heutigen medienorientierten Gesellschaft, ist es kaum verwunderlich das die TV Anstalten und Verlage mehr und mehr darauf fokusiert sind, besonders spektakuläre Themen aufzugreifen und so weit wie möglich auszuschlachten. In den 70′ern galt der Slogan “Sex, Drugs and Rock’n'Roll”, heute muss mal wohl eher sagen “Flop, Turn and River”, denn Poker ist praktisch überall. Abermillionen von Webseiten befassen sich mit dem Thema Poker und es gibt Hunderte von Pokerseiten, jeden Monat kommen ein paar hinzu. Denn hier kann man richtig Geld verdienen, nicht nur mit dem Betreiben der Seite an sich sondern auch mit der Werbung, Marketing und internationaler Präsenz. Man nehme die Promotionen “Live the dream” von Everest, die “Million Euro Challenge” von FullTilt oder die hochdotierten Onlineserien a la WCOOP, ECOOP und FTOPS und gleich sind sehr hohe Gewinnsummen im Spiel. Man kann praktisch vom Tellerwäscher zum Millionär werden und muss dafür nicht mal in die USA entfliehen (es sei denn die WSOP aus Las Vegas ruft), doch man kann auch bequem vom Computer zu Hause aus über das Internet einen netten und erquicklichen Batzen Geld erspielen. Nebenher qualifiziert man sich dann noch für “Poker after Dark” und freut sich darüber, dass man wohl im Fernsehen zu sehen sein wird. Dabei hat die eigentliche Bedeutung des Anglizismen nicht wirklich einen positiven Eindruck sondern es wird eher als Spiel im Hinterzimmer dargestellt und ein paar Freunde kommen zusammen, wenn es draußen schon dunkel ist. Genau diesen Effekt kann man aktuell auch in der politischen Lage in Deutschland nachvollziehen denn unsere gewählten Volksvertreter nutzen ihre überbezahlte Arbeitszeit dafür, sich über die Suchtprävention zu unterhalten und alles Mögliche zu unternehmen, um jegliche Pokeraktivitäten in Deutschland per Gesetz zu unterminieren und zu unterbinden. In den USA ist dies zwar auch per Gesetz verboten aber bei weitem nicht so medienwirksam unterstützt und weiterhin durch die vielen TV Übertragungen sehr populär. Es ist verboten und trotzdem spielt es jeder Zweite - doch dieses Thema führt eindeutig zu weit und ich werde das lieber ausführlicher in einem darauf spezialisierten Blogeintrag erörtern.

Nun ja, man sieht täglich während der PrimeTime Werbeclips von Pokeranbietern und in den größten Zeitschriften verirren sich auch die Werbebanner dieser Milliardenschweren Maschinerie. Ist es also die Politik die die Wirtschaft dominiert oder doch eher andersherum - Geld regiert die Welt und so haben die Pokerbegeisterten doch die Hoffnung, dass sich auf lange Sicht das Kapital der riesigen Unternehmen durchsetzen wird gegen die Unvernunft unserer überqualifizierten Volksvertreter. Aber betrachten wir doch mal diese ganzen Werbeanzeigen der Pokerseiten, die uns nahezu erschlagen und von allen Seiten aus verlockend mit Bonu und Geld in die Augen springen und uns praktisch anflehen, einen Account zu erstellen und Geld einzuzahlen. Müssen wir als erwachsene und rechtsmündige Personen vom Staat regulieren lassen und vor diesen Lockangeboten ferngehalten werden? Also beim Lotto sehe ich auch wöchentlich 2x die riesige Jackpotsumme für den Sechser mit Zusatzzahl und gegen diese Sucht wird nichts unternommen - achja richtig, hier kassiert der Staat ja ab. Sind wir wirklich so leicht zu verführen und haben einen schwachen Geist? Manche mehr, andere hingegen wieder weniger - hier spielt die Motivationsfähigkeit eine große Rolle und was für ein Ziel wir uns überhaupt setzen und was wir im Endeffekt erreichen wollen.

Das führt mich zu der folgenden Frage: Welche Motivation haben wir denn, um Poker zu spielen und wodurch wird das Verlangen nach dieser Kombination aus Glück und Geschick, aus logischem Denken und Mathematik, aber auch aus Psychologie und einer stablien Libido ausgelöst?

- Verlangen nach Geld / Ansehen / Anerkennung

sicherlich will auch ein gewisser Prozentsatz einfach nur Geld damit verdienen, aber wenn man Statistiken Glauben schenken darf, dann ist der Anteil der tatsächlich profitablen Pokerspieler äußerst gering - zähle ich mich zu dieser seltenen Spezies? ja, denn ich habe noch nie Geld eingezahlt

- der sportliche Charakter / Wettbewerb
es liegt in der natur des Menschen, sich mit anderen zu messen und auch sich selbst zu beweisen - wir alle wollen doch hin und wieder besser sein als alle Anderen und es ist wahnsinnig gut für die Moral

- Anwendung von Mathematik
ok, ich gebe zu das dieser Punkt wirklich nur für die Masochisten unter uns gedacht ist - aber die Lehrer freuen sich darüber und somit hat die Stochastik auch noch eine sinnvollere Anwendung als einfach nur die Schüler andauernd zu nerven und zu quälen

- Zeitvertreib / Ablenkung von anderen Dingen / Hobby
viele Spieler sehen Poker als Hobby und auch Hausfrauen aber auch Arbeitstätige nutzen die freie Zeit nach der Arbeit / am Wochenende, um sich etwas zu entspannen - ein bisschen Geld extra das hierbei rausspringt, ist ein netter Nebeneffekt, doch es wird kein Gedanke daran verschwendet, daraus ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen

- Profispieler / Vertragsspieler

hier zähle ich nicht nur die Stars der Szene die Millionen bei Turnieren weltweit gewinnen und Sponsorenverträge haben, sondern auch alle Pokerspieler die sich durch das Poker an sich den Lebensunterhalt verdienen und dafür sorgen das Sie und auch die Familie abends etwas Warmes zu Essen auf dem Tisch stehen hat - diese Personen haben meinen vollsten Respekt, da Sie jederzeit in der Lage sein müssen, de fakto Gewinn einzufahren und davon ihren Lebensunterhalt zu bestreiten - eine längere verlustreiche Phase können sich diese Personen nicht leisten

- der Gruppeneffekt
wir haben schon früh gelernt oder gehört, dass der Mensch ein Herdentier ist und auch wenn es immer wieder einmal einihe Individualisten gibt, so sind wir doch in Gewissen Maße darauf erpicht, der Bestandteil einer größeren Gruppe zu sein und uns anderen Menschen verbunden zu fühlen

auf neudeutsch nennt man sowas “socialising network” oder auch im Internet “Second Life” und es mag mitunter stimmen, das wir nicht nur eine reale Familie haben sondern auch eine “virtuelle” oder zweite Familie, die man über das Internet kennt - hier wird oftmals bemängelt, dass man nur noch vor dem Computer hängt und das eigentliche Leben an einem vorbeiläuft - das mag schon stimmen, wenn man nicht willensstark genug ist und sich davon lösen kann und seine Zeit einteilt

Poker ist meines Erachtens ein hervorragendes Instrument, um weltweit neue Freundschaften zu schließen und ich selbst hatte das Vergnügen, einige davon in England dieses Jahr zu treffen - und obwohl wir uns im “realen Leben” zuvor noch nie gesehen hatten, so war dennoch der Eindruck, als ob man sich schon ein Leben lang kennt - sowas ist einfach unbeschreiblich und es gibt vielfältige Varianten, sich über Poker selbst zu unterhalten

die Sprache der Karten ist universell und auch in Brasilien oder Australien gibt es beim Texas Hold’em Flop, Turn + River - es mag vielleicht sprachliche Barrieren geben die den Informationsaustausch behindern, aber diese lassen sich nach und nach verringern oder ausmerzen - Englischkenntnisse sind hierbei natürlich von Vorteil und die Hauptsprache ist Englisch

natürlich ist dies nur eine geringe Auswahl an möglichen Beweggründen die uns dazu veranlassen, Poker zu spielen und ich könnte wohl noch ewig so fortfahren, aber ich denke mal das die bisherigen 1700 Wörter erst einmal genug sind - es gibt sicherlich genug Denkanstösse und ich würde mich sehr gerne über feedback freuen, ich hoffe auch das der Text gut und abwechslungsreich zu lesen war

ich entschuldige mich hiermit im Nachhinein vielmals bei allen notorischen “Romanleseverweigerern”, aber ich neige halt einfach dazu, etwas längere Statements zu verfassen und meiner Schreiblust einigermaßen freien Lauf zu lassen - natürlich darauf hoffend, das ich den roten Faden nicht zu oft zu verlieren oder schnell wiederzufinden

copyright by : Christian Zetzsche / zedmaster84

*wer Rechtschreibfehler findet, der darf sie behalten*

5 Antworten zu “Der Sinn des (OnlinePoker)Lebens oder auch die (Poker)Welt im Wandel”
  1. Jle90 sagt:

    Hey Zed, also ich muss sagen das dein Beitrag etwas hat. Hat mir sehr gefallen es zu lesen,und du hast auch die Gründe warum man Pokert sehr gut getroffen.
    Ich meine auch ich selbst habe durchs Pokern (damals auch noch Playmoney) Freunde kennengelernt,mit denen ich täglich chatte,bzw auch einen mal eine Woche besucht habe.
    Pokern hat mir selbst auch eine Menge gebracht!…
    Naja ich will auch nicht zuviel schreiben jetzt.
    Toller Beitrag,weiter so :)

  2. FIREBALL sagt:

    Netter Text, mit viel Wahrem dran, Zed. Auch gar nicht langweilig zu lesen…vielleicht schreibste ja mal nen Buch über deine geistigen Ergüsse. ;)

    Aber was bitte ist eine Phonolehrerin? Ich kenn nur Pornolehrerinnen… ^^

  3. joda71 sagt:

    very Nice…immer wieder schön deine Er/abgüsse zu verfolgen..:-)

  4. zedmaster84 sagt:

    errr also Phono = Phonotypie … 10Fingerschreiben, alles was Sekretariat betrifft + zum Teil Stenotypie, Verwaltung, Büroorganisation etc. pp

  5. FIREBALL sagt:

    achsooo, wieder was gelernt! Danke für die Erleuchtung diesbezüglich.

    Tja, als Fremdsprachenkorrespondent braucht man schon sowas, du alte Tippse. ;)

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